16.8.10

Wetzt Eure Messer!

Gerade komme ich aus Wien zurück. Für mich ist Wien nicht nur eine der grünsten Hauptstädte Europas, sondern auch die Hauptstadt der Freundlich- und Höflichkeit, der Gelassenheit und Toleranz. Alles geht sich aus, wenn man den Anderen respektiert.

Beim Heurigen in Stammersdorf bin ich beim zweiten Glas Wein ins Grübeln gekommen. Weshalb nur will mir der knusprige Schweinsbraten nicht ganz so gut schmecken wie er tatsächlich ist? Nach dem dritten oder vierten Bissen dämmert die Erkenntnis:

Das Messer ist so stumpf, dass es große Mühe bereitet, die krachig-knusprige Kruste (Weingenuss fördert Alliterationen) zu zerteilen. Ein Königreich für ein scharfes Messer! (zum Weiterlesen die Überschrift anklicken!)

Auch so mancher objektiv gute Text kann nicht wirklich gut schmecken, wenn der Leser eine Sehhilfe braucht. Lesen macht mindestens soviel Mühe wie das Zerteilen einer röschen Schweinsbraten-Kruste! Handwerklich gute Typografie steigert den Genuss, weil er ihn erleichtert. Wie ein scharfes Sägemesser. Das beginnt bei der Größe der Schrift und dem Zeilenabstand (ganz einfach) und endet bei der Auswahl der Schriftart (schon schwieriger) sowie der semantischen Typografie (eher anspruchsvoll).

Gemach, gemach! Natürlich respektiere ich die landläufige Meinung, die besagt: Typografische Gestaltung hat mit dem Schreiben von erfolgreichen Texten so wenig zu tun wie die perfekte Zubereitung eines Schweinsbratens mit dem Wetzen der Messer. Beim (Rück-)Blick über den Tellerrand auf den mit Soße bekleckerten Tisch kann man auch zu anderer Einsicht gelangen.

Schani, bringen´s noch a Glaserl Wein, bitt´schön!

4.6.10

Direct Mail behauptet Platz vier auf dem Werbemarkt

Werbebriefe liest doch niemand, die landen sofort im Papierkorb. Geld- und Papierverschwendung. Und schreiben können wir selber - so oder so ähnlich lauten die Reaktionen, wenn das Gespräch auf das Thema Direct Mail kommt. Seltsam nur, dass die Wenigsten eine schlüssige Alternative nennen können. Bleiben wir also besser bei den Tatsachen, die der soeben veröffentlichte Direct Mail Statusbericht 2009 von Nielsen Media Research liefert. Das Markt- und Medienforschungsunternehmen weist nach, dass Direct Mail im vergangenen Jahr den vierten Rang auf dem deutschen Bruttowerbemarkt behauptet hat. Nach den Erhebungen von Nielsen wurden knapp 68 Prozent aller Werbesendungen tatsächlich gelesen. Kleiner Tipp am Rande: Das könnte auch am Inhalt liegen! Mehr Informationen zum Nielsen Direct Mail Statusbericht 2009 finden Sie unter www.nielsen.de

9.2.10

Die Mischung macht’s: Steuern, Sünder und Straftäter

Knapp daneben ist auch vorbei. Das möchte man all jenen Politikern und Journalisten zurufen, die leichtfertig mit dem Begriff Sünde umgehen. Durch den schlampigen Sprachgebrauch offenbart sich eine Denkweise, die den Zustand unserer Gesellschaft kennzeichnet. Wer sein Auto im Halteverbot abstellt, zu schnell fährt oder bei dunkelgelb die Ampel passiert, wird in ADAC-konformer Sprache als Parksünder oder Verkehrssünder bezeichnet. Wohl wissend, dass keine Sünde, sondern eine Ordnungswidrigkeit oder Straftat begangen worden ist. Doch daran haben wir uns dank ständiger Wiederholung anscheinend gewöhnt.

Nicht gewöhnen kann und will ich mich jedoch an die Bezeichnung Steuersünder im Zusammenhang mit millionenschwerer vorsätzlicher Steuerhinterziehung. Politiker und Journalisten, die diesen Sprachgebrauch pflegen, machen sich im tiefsten Inneren ihres Herzens gemein mit diesen Straftätern und stellen sie auf eine Stufe mit Falschparkern. Steuerhinterziehung als Volkssport, nein danke!

Was eine Straftat ist, muss auch als solche bezeichnet werden. Sünde ist ein Begriff, der nach theologischem Verständnis das Verhältnis des Menschen zu Gott betrifft, aber nichts im Strafrecht zu suchen hat. Außerdem: Sünden können nach christlicher Lehre vergeben werden, Straftaten nicht.

Geradezu grotesk wirken die Kommentare mancher Leitartikler, wenn sie mit Begriffen wie Datendiebstahl oder Hehlerei jonglieren. Nach heutigem Wissen hat niemand irgendeiner Bank irgendwelche Daten gestohlen, denn sie sind ja bei den Banken noch vorhanden! Allenfalls wurden Daten illegal kopiert. Und es geht zuletzt um den Straftatbestand einer Hehlerei, denn die fraglichen Bankdaten, die auf die Spur von Steuerhinterziehern führen sollen, sind keine Ware, sondern Informationen, also Wissen.

Was Ermittler wissen dürfen und ob die Übermittlung oder Beschaffung (nicht die Herkunft!) der Daten rechtskonform ist, darüber lohnt sich durchaus eine Diskussion. Anders gefragt: Unter welchen Umständen und zu welchen Bedingungen darf sich der Staat Wissen beschaffen, das mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Aufklärung erheblicher Straftaten führt? Voraussetzung für einen Erkenntnisgewinn ist jedoch ein sorgfältiger Sprachgebrauch.

5.2.10

Der kleine Unterschied zwischen Kunde und Auftraggeber

Der kleine Unterschied zwischen Kunde und Auftraggeber kann große Folgen haben. Eine Diskussion auf XING hat unlängst dazu geführt, dass einige Kollegen in Werbeagenturen und Grafikbüros mächtig Dampf abgelassen haben. Muss auch mal sein.

Fazit: Die Kreativ-Branche hat es immer weniger mit Kunden, aber umso mehr mit Auftraggebern zu tun. Kunde zu sein bedeute nämlich, kundig zu sein, also eine Ahnung zu haben, wie es eine Gestalterin formulierte. Sie – und offenbar nicht nur sie allein – sieht sich zunehmend mit Auftraggebern konfrontiert, die sich aber wie Kunden gebärden. Klar doch, gestalten kann heute jeder, der seinen PC in Gang bringt und mit Hilfe von WORD Texte und Bilder auf die Seiten nagelt. Und es gibt genügend Online-Druckereien, die alles drucken, was auf den Bogen passt. So what.

Die Klage der Kollegin in Gottes Ohr. Allerdings spürt die Kreativ-Branche nicht allein diesen Wandel vom kundigen Kunden zum halbwissenden Auftraggeber. Lehrer, Architekten, Handwerker und viele mehr werden zustimmen. Tragisch wird es jedoch, wenn die Auftragnehmer selbst diese Tendenz fördern und alles zulassen und liefern, was bestellt wird. Um den Fußball-Lehrer Felix Magath zu zitieren: "Qualität kommt von quälen." Aber es ist immer wieder schön, wenn der Schmerz nachlässt.

18.1.10

Das große Missverständnis: Sprache für Mann und Frau

In Ulm dauert manches etwas länger. Aber jetzt sind auch die Stadt Ulm und die SÜDWEST PRESSE einem weit verbreiteten Missverständnis aufgesessen, dem vermeintlichen Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Sprache. Kaum zu glauben, aber wahr: Die Stadtverwaltung lässt eine Broschüre drucken mit Hinweisen zur Gleichbehandlung in Wort und Text. Immerhin - und das ist ausdrücklich zu loben - spielen Lesbarkeit und Verständlichkeit auch eine Rolle. Sowohl Stadtverwaltung als auch die SÜDWEST PRESSE ignorieren jedoch, dass in der deutschen Sprache das natürliche Geschlecht (Sexus) eben nicht zwangsläufig dem grammatikalischen Geschlecht (Genus) entspricht. Deshalb kann es, aller feministischer Sprachkritik zum Trotz, keine männliche oder weibliche Sprache im Sinne einer geschlechtertypischen Sprache geben. Auf einem ganz anderen Blatt steht, welche Denk- oder Verhaltensweise einer Gleichbehandlung von Mann und Frau im Wege steht. Und daran ändert auch eine städtische Broschüre nichts, so gut sie auch gemeint sein mag.

31.12.09

Bankenkrise Teil 2: die Kundenabwehrstrategie

War da was? Wenn die Banken aus der gleichnamigen Krise etwas gelernt haben, dann dieses: Wir sind unfehlbar, unsterblich, unkaputtbar. Denn im Notfall springt der Staat mit Milliarden zur Seite. Sieht man als Kunde genau hin, gewinnt man den Eindruck, dass dem WEITER SO ein JETZT ERST RECHT folgt.

In ihrer Überheblichkeit den Kunden gegenüber steht manches öffentlich-rechtliche Institut den meisten deutschen Banken in nichts nach. So wird in Ulm die Frage nach den Konditionen für ein Geschäftskonto mit einem kopierten Zettel beantwortet, den eine gelangweilte Mitarbeiterin wortlos und mit gequältem Lächeln über den Tresen reicht. Die Konditionen erweisen sich bei näherem Hinsehen als bestenfalls durchschnittlich.

Der Lichtblick in der Servicewüste leuchtet wenige Kilometer außerhalb Ulms bei einer kleinen Raiffeisenbank. Die Anfrage per Mail, abgeschickt am 28. Dezember (!), wird bereits am Folgetag beantwortet - freundlich, informativ und mit Konditionen, die absolut wettbewerbsfähig sind. Hier fühle ich mich als Kunde willkommen und werde zu Beginn des neuen Jahres ein Konto eröffnen. Eigentlich ganz einfach.

Und was folgt daraus?
1. Die Größe einer Bank sagt überhaupt nichts über Leistung und Servicequalität aus.
2. Die Bankenkrise hat keinerlei reinigende Wirkung gezeigt.
3. Viele Bankmitarbeiter pflegen eine Beamtenmentalität, die keinen Wettbewerb um Kunden kennt.
4. Wie sich Banken gegenüber Kunden verhalten, widerspricht oftmals den Aussagen in ihrer Werbung.
5. Deutsche Banken pflegen ein Selbstverständnis, das sich keine andere Branche leisten kann - der Bankenrettungsfonds macht es möglich.